Immer noch trunken vor Freude (und nicht nur davon) rief mich heute Morgen mein spanischer Freund Primo an. "Olé, olé, olé, olééééé", sang er mir so laut ins Ohr, dass ich die Muschel doch auf einige Distanz bringen musste. Der lang ersehnte EM-Titel - er ist Balsam auf die wunde spanische Fußballseele. 44 Jahre war die Selección ohne Titel geblieben, 24 Jahre lag die letzte spanische Finalteilnahme zurück: Kein Wunder also, dass Primo und seine Landsleute sich immer noch im Zustand deutlich erhöhter Lebensfreude befinden.
Ich gönne den Spaniern den Titel von Herzen. Sie stellten über das gesamte Turnier gesehen die konstanteste Mannschaft, waren auch im Finale das klar bessere Team. Der Erfolg ist auch der ganz persönliche Triumph ihres Trainers Luis Aragonés. Ihm ist es nicht nur gelungen, das spanische Titeltrauma zu beenden, sondern er hat es auch geschafft, ein Team auf den Platz zu bringen. Daran nämlich waren die Iberer in der Vergangenheit immer wieder zuvorderst gescheitert: Dass super Einzelspieler sich nie zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammenraufen konnten.
Teamgeist lässt sich Joachim Löws Mannen auch nicht absprechen. Aus deutscher Sicht muss man aber ehrlich sagen: Insgesamt waren die Leistungen zu wechselhaft und unspektakulär, zeigte die deutsche Mannschaft viel zu wenig spielerische Klasse, als dass der Titeltraum zu Recht in Erfüllung gegangen wäre. Im Grunde hat sich das Team des Bundestrainers zuallererst dank berühmt-berüchtigter deutscher Tugenden wie Kampfgeist und Willen ins Endspiel durchgeboxt. Dort mussten wir dann schmerzlich erfahren, dass der Weg zur absoluten Spitze doch noch ein weiter ist.
Der Jubel der 100.000 Anhänger heute auf der Berliner Fanmeile, der durchaus an das "Sommermärchen 2006" erinnert, zeigt aber auch die öffentliche Akzeptanz dieser Nationalmannschaft. Er zeigt darüber hinaus, dass Fußball-Deutschland hinter diesem Team steht und den von Joachim Löw eingeschlagenen Weg mit ihm weitergehen möchte - wenngleich er während des Turniers von seinen eigentlichen Idealen abgerückt ist und das offensive 4-4-2-System dem defensiveren 4-2-3-1 geopfert hat. Pragmatismus nennt man so etwas. Dass nach der Niederlage gegen Kroatien sein ganzes Konzept ins Gerede geraten war, habe nicht nur ich für völlig überzogen gehalten. Löw ist und bleibt der richtige Mann, um dieses Team, das Herz hat und dem nicht zuletzt deshalb auch die Herzen zufliegen, weiter zu entwickeln. Ohne jedes Wenn und Aber.
Persönlich richtig Leid tut mir Michael Ballack, der auch sein sechstes Finale verloren hat. Seinem Trauma, international auf Platz zwei abonniert zu sein, konnte er auch diesmal nicht entfliehen. So bleibt ihm wie der ganzen Mannschaft nur, vom WM-Titel 2010 zu träumen. Es könnte für den dann 33-jährigen "Capitano" fast schon die letzte Chance sein, sich doch noch den Traum von einem internationalen Titel zu erfüllen. Von der Altersstruktur her hat das Team beste Aussichten. Etliche Talente wie Marko Marin oder René Adler drängen sich auf. Vor der Zukunft muss uns also nicht bange sein. Mit Blick auf die Vor-Löw-Klinsmann-Ära ist allein diese Perspektive schon ein echter Erfolg. Und geht’s nach dem Gesetz der Serie, wären wir nach dem dritten Platz bei der WM 2006 und der jetzigen Vize-Europameisterschaft in Südafrika endlich mit dem Titel dran. Es darf also wieder geträumt werden.
Ja, der Titel an die Spanier geht völlig in Ordnung. Vielleicht ist ja Ballack auch noch ein großer Titel vergönnt. Ansonsten Danke an ihn und die ganze Mannschaft (inklusive Trainer!)
Flo am 30.06.08 17:09
Wer sorgfältig hinschaut dem wird nicht entgangen sein, dass der rhetorisch gewiefte Herr Bundestrainer nicht jene Betrachter täuschen kann, die sachlich und nüchtern analysieren. So ist es nur unschwer erkennbar, dass nicht der Leistungsgedanke im Vordergrund steht, sondern Verdienste die in der Vergangenheit ruhen. Wenn es sich hierbei dann aber um lange verletzte oder kaum mit Spielpraxis behaftete so genannte Leistungsträger handelt, erscheint das Auswahlkriterium des Herrn Löw doch eher undefinierbar. Die krassen taktischen Fehler und das Festhalten an formschwachen Spielern (Klose Metzelder Lehmann Frings Ballack ) zeigt nur, was möglich gewesen wäre, hätte der Bundestrainer auf die Spieler gesetzt, die mindestens Moral als Tugend aufweisen. Portugal war das einzige vorzeigbare gute Spiel und das Duseltor von Lahm in letzter Minute (Türkei) nur das Glück, das uns letztendlich erlaubte in einem Endspiel zu stehen, in das wir noch nicht gehören.
Rainer Schulz am 30.06.08 17:55
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